Wie ist es um den „rassetypischen“ Alaskan Malamute in Deutschland bestellt?

 

 

Ein Interview Irene Ertel – Seebacher, langjähre Rassebeauftragte für Alaskan Malamute im DCNH  

 


Grenzlandtour I, 2007

 

H.-R. Hugo: Für die Ureinwohner der Arktis stand in erster Linie der Nutzen als Arbeitshund im Vordergrund: Sie waren Zugtiere bei ihren Wanderungen und auf den Jagdzügen waren sie in einem sehr ursprünglichen Sinn Helfer bei der Jagd. So entstand ein Hundetype, der ausdauernd, stark, widerstandsfähig und genügsam war und vor allem den Willen hatte, zu laufen. Dies gilt natürlich auch für den Hund der „Mahlemiuts“. Die Mahlemiuts bevölkerten ursprünglich die Kaviak – Halbinsel bei Kotzebue in Alaska. Sie waren dafür bekannt, daß sie große, kräftige und sehr ausdauernde Schlittenhunde besaßen. Der Nachkomme dieses einst unentbehrlichen Arbeitshundes – der Alaskan Malamute (AM) – wird heute in vielen Ländern, so auch in Deutschland,  als Rassehund gezüchtet.

 

Frau Ertel – Seebacher, Sie züchten AM seit 1977 erfolgreich unter dem Zwingernamen „Chugach´s“. Seit fast 20 Jahren sind sie darüber hinaus im Deutschen Club für Nordische Hunde (DCNH) als Rassebeauftragte für AM tätig.

 

Die ersten AM kamen Mitte der sechziger Jahre nach Deutschland. 1966 erfolgte die erste Eintragung eines Wurfes. Welche Aspekte in der Zucht von AM waren damals von zentraler Bedeutung?

 

I. Ertel – Seebacher: Die ersten Hunde in dieser Zeit gelangten über die Schweiz und die Niederlande ins Land. Es waren auffallend hübsche Hunde, die in erster Linie auf Ausstellungen gezeigt wurden. Andere Tiere wurden von amerikanischen Soldaten mit nach Deutschland gebracht. Viele dieser Hunde waren eher sogenannte „Pets“, Hunde ohne Ahnentafel und wirklich keine Schönheiten. Walter Tinz (Mount Kinley) war der erste, der auf die Idee kam, diesen mehr sportlichen Hunden ein schönes Kleid zu verpassen. Ihm folgten rasch andere Züchter und so wurde die natürliche Schönheit der Ausstellungshunde und die Leistungsbereitschaft der Sporthunde systematisch beim AM vereint. Allerdings hatten wir in den Anfängen der Malamutezucht große Probleme mit der Hüftgelenksdysplasie (HD) und der Epilepsie. Insbesondere die Epilepsie stand nachgewiesen im direkten Zusammenhang mit der Höhe des Inzuchtfaktors. Schätzungsweise waren damals fast fünfzig Prozent der AM direkt miteinander verwandt. Die anderen Erkrankungen, die wir heute beim AM kennen, waren uns damals gar nicht bekannt. Wer wußte schon etwas über Katarakt, Ellenbogendysplasie, Knochendeformationen und Minderwuchs, die Chondrodysplasie. Bei der HD wurde uns schnell klar, wenn wir nicht durch eine strenge züchterische Selektion eingreifen, sind wir rasch am Ende, zumal wir aufgrund der relativ kleinen Hundepopulation schon fast alle Verpaarungsmöglichkeiten durch hatten. Ein anderes Problem beim AM war aggressives Verhalten gegenüber Menschen. Dieses Problem verringerte sich schlagartig, als wir mehr auf das Wesen der Hunde achteten. Viele Probleme der damaligen Zeit lösten sich, als wir nach und nach durch Importe von Hunden aus dem Ausland mehr genetische Vielfalt in die Zucht bekamen.

 

H.-R. Hugo: Wie ist es denn heute um die Gesundheit des AM bestellt?

 

I. Ertel – Seebacher: Im Vergleich zu vielen anderen Hunderassen sind rassespezifische Erkrankungen beim AM nicht weit verbreitet. Der HD – Status beim AM hat sich in den letzten 25 Jahren deutlich verbessert. Hier haben die strengen Selektionsstrategien voll gegriffen. Es fallen nur noch vereinzelt Hunde aus dem Rahmen. So waren es im letzten Jahr nur zwei Hunde mit HD – D belastet. Früher wurden die festgestellten erblichen Augenerkrankungen vom Züchter bzw. dem Halter nicht gemeldet. Wir wußten also nicht, ob ein Hund beispielsweise an Katarakt erkrankt war. Heute muß jeder Hund, der eine Zuchtzulassung erhalten will, zur Augenuntersuchung. Hunde mit einem erblichen Katarakt werden von der Zucht ausgeschlossen. Nicht unerwähnt dürfen in diesem Zusammenhang die Schilddrüsenunterfunktion und die Diabetis beim AM bleiben. Insbesondere die Schilddrüsenunterfunktion ist hier erschreckend hoch. Während die Magendrehung, die fast alle großen Hunderassen betrifft, beim AM sehr selten vorkommt. Festgestellt haben wir in all den Jahren 15 Fälle. Da mag dann noch eine Dunkelziffer in der gleichen Höhe hinzukommen. Aber lange nicht so eine Häufung wie beim Grönlandshund.

 

 

H.-R. Hugo: Frau Ertel Seebacher, wenn ich ihr Eingangsstatement aufgreife, so ist der AM am Anfang durch einen sogenannten genetischen „Flaschenhals“ bzw. Engpass gegangen. Wichtig für die Gesunderhaltung einer Rasse – sie hatten es bereits angedeutet -  ist aber eine große genetische Population. Wie beurteilen Sie die Zuchtbasis des AM gegenwärtig? Reicht die Zuchtbasis aus, um gesunde, genetisch vielseitige und leistungsfähige Hunde zu züchten?

 

I. Ertel – Seebacher: Die Zuchtbasis des AM in Deutschland ist heute wunderbar genetisch vielfältig, weil in den letzten Jahren sehr viele Hunde aus den USA, den Nachbarländern und Skandinavien importiert wurden. Wir haben genetisch gesehen alles, was wir uns wünschen können. Wer ein bestimmtes Zuchtziel vor Augen hat, muß nur suchen. Daher bin ich manchmal etwas traurig, wenn Züchter schnell mal den Deckrüden um die Ecke nehmen. Ein Deckrüde sollte grundsätzlich seine Qualitäten erst beweisen, z.B. dadurch, dass der erste Wurf erst zwei Jahre lang beobachtet wird. Oder eine generelle Begrenzung der Deckakte wäre eine weitere Denkmöglichkeit, die wir diskutieren müssen. Bei den Hündinnen ergibt sich dies von allein, weil die Anzahl der Würfe natürlich begrenzt ist.

 

 

H.-R. Hugo: Unter den Liebhabern dieser Rasse werden oft kontroverse Diskussionen über die Richtigkeit seiner Verwendung, seines äußeren Erscheinungsbildes und dessen Eigenschaften geführt: So sind für die einen seine Leistungen vor dem Schlitten oder Wagen von zentraler Bedeutung, die anderen erfreuen sich über sein imposantes Aussehen und für manche ist er einfach nur ein  Begleiter und sanfter Familienhund. Das Bild des heutigen AM scheint daher vielfach von den subjektiven Vorlieben des einzelnen bestimmt zu sein. Welche Eigenschaften bzw. Merkmale – sowohl physisch als auch mental – sind für einen AM absolut wichtig?

 

 

I. Ertel – Seebacher: Der AM ist zweifellos ein Arbeitshund. Deshalb sollte sein Körperbau alle Merkmale für Balance, Kraft und Ausdauer zeigen. Eine gute Schulter, eine kräftige Kruppe, gute Winkelungen und Proportionen sowie die Qualität der Bänder und Muskeln bestimmen die Leistung. Besonders hervorheben möchte ich, dass der Rücken eine leicht langgestreckte Form zeigen sollte. Von Vorteil dabei ist, wenn die Rumpflänge etwas größer ist, als die Widerristhöhe. Eine gut ausbalancierte Vorderhand ist sehr wichtig für den Bewegungsablauf. Denn: Von der Hinterhand angetrieben muß die Vorderhand die Bewegung auffangen und weiterführen. Dabei lastet das ganze Körpergewicht des Hundes auf der Vorderhand, diese setzt die Vorwärtsbewegung fort. Während die Schulter und Vorderhand den Hundekörper trägt und stütz, hat die Hinterhand die Aufgabe ihn vorwärts zu treiben. Diese sorgt bei der Fortbewegung für die Schubkraft, die vom Rücken aufgefangen wird und weiter in Richtung Vorderhand geleitet wird. Eine kräftige Bemuskelung, die korrekten Winkelungen und ein gute Länge der von Ober- und Unterschenkel ermöglichen dem Hinterlauf eine gute Schrittlänge zu erzielen. Zu kurze Beine benachteiligen die Schrittlänge, zu lange Beine bei gleichzeitig kurzen Rücken, führen zu steileren Winkelungen. Eine fließende und kraftsparende Gangweise kann also nur mit einem ausgewogenen Körperbau, vor allem mit korrekter Vor- und Hinterhand erzielt werden. Ich betone dies hier ausdrücklich, weil immer wieder die Bedeutung der Hinterhand einseitig hervorgehoben wird. Ich vergleiche dies immer gern mit einem Kraulschwimmer: Zur guten Beinarbeit, gehört auch immer eine gute Armarbeit.

 

 

Darüber hinaus muß ein AM eine tiefe Brust mit viel Platz für die Lunge besitzen, damit die Atmung stimmt. Die restlichen Organe müssen natürlich Hand in Hand arbeiten. Der Kopf darf nicht zu kurz sein, um zusammen mit der Rute den Körper auszubalancieren. Die kräftigen Pfoten sollten schön geschlossen sein, der Vordermittelfuß darf nicht zu weich, aber auch nicht zu steil sein, um die Bewegung federnd aufzufangen. Das Fell eines AM sollte einen dicken, rauhen Doppelmantel aufweisen, der nicht zu lang und nicht zu weich sein darf.

 

 

Wenn wir nun zu den mentalen Eigenschaften kommen, lege ich viel Wert auf die Freundlichkeit, die Führigkeit gepaart mit einem gewissen Maß an Selbstbewußtsein und auf die Arbeitswilligkeit, wobei ich bewußt auf die Begrifflichkeit des „desire to go“ verzichte. Was ich mit Selbstbewußtsein meine, möchte an einem Beispiel erläutern: Ich fuhr auf einem Rennen, dass im Jahr zuvor links herum und im darauffolgenden Jahr rechts herum gefahren wurde. An der Kreuzung meinten dann meine Leithunde: „Vertrau uns, denn wir wissen wo es lang geht!“ Auf einem Rennen ist dies natürlich tragisch, aber ich erinnere mich, als ich mich mal gnadenlos verfahren hatte, wußten meine Hunde dann schließlich, wo es zum Auto ging. Ich muß mich in bestimmten Situationen auf meine Hunde verlassen können. Und Führigkeit ist angesagt, wenn z. B. Bäume den Trail versperren. Ich muß in der Lage sein, mit dem Gespann den Baum überqueren zu können, ohne das mir dabei die Finger abgerissen werden, der Wagen auseinander fliegt oder ohne das ich das Gespann verliere.

 

 

H.-R. Hugo: Wir haben gehört, dass der AM über einen Körperbau verfügen muß, der ihn in die Lage versetzt, seine ursprüngliche Arbeit als Schlittenhund zu verrichten. Sie sprachen oben von der Arbeitswilligkeit. Was meinen Sie damit?

 

 

 

I. Ertel – Seebacher: Auch der Hund, der auf eine Zuchtausstellung geht, erbringt eine bestimmte Leistung, die von einem sportlich orientierten Hundeführer sicherlich anders bewertet wird. Eines können wir aber als Maxime ansetzen, die Leistung, die ein AM bringt, ist mit Sicherheit nicht der Sprint. Der AM ist nach den Formulierungen im Standard ein schwerknochiger, kraftvoller, kompakter Hund, der gar nicht vom Körperbau in der Lage ist, in einem flüssigen Galopp zu laufen. Wir sehen es bei den Zuchthunden, wo der Geschwindigkeitsgedanke im Vordergrund steht, hat sich der Körperbau deutlich verändert. Mit den Hunden nur auf brettähnlichen „Rennbahnen“ zu arbeiten, auch wenn es längere Strecken sind, ist keine Leistung, die ein AM bringen sollte. Es ist eher ein Hund, um wirklich schwere Lasten in einem unwegsamen Gelände zu transportieren. Wobei er nach 20 Kilometern noch nicht die Schnauze voll haben sollte. Diese Hunde werden natürlich ganz anders gefordert und diese Vielfältigkeit der Leistung wird mir in der konträren Diskussion zu wenig beachtet. Die Leute verrennen sich in ihren Extrempositionen – Zuchtschau oder Sport – und die Sportler meinen zu wissen, wozu dieser Schlittenhund des Nordens bestimmt war.

 

 

H.-R. Hugo: Um die Diskussion zu versachlichen, sollten wir nicht den Standard Wort für Wort durchgehen und prüfen, wie die Inuit eigentlich früher mit ihren Hunden gearbeitet haben?

 

I. Ertel – Seebacher: Sie haben natürlich recht. Wir sollten genau schauen, welche Eigenschaften mußten diese Hunde mitbringen, um zuverlässig ihre Arbeit als Zugtiere bei den Wanderungen und auf den Jagdzügen zu verrichten. Und die Rennen waren eher ein Spaß am Ende einer Jagdsaison, die nie richtig ernst genommen wurden. In dieser Diskussion über die Richtigkeit der Verwendung des AM haben natürlich Malamutebesitzer, die nur auf Ausstellungen gehen, schlechte Karten. Wir würden aber viel Schärfe aus der Diskussion herausnehmen, wenn auf Zuchtschauen die Hunde in vorzüglicher Kondition vorgestellt würden.  Dies ist aber nur durch eine gezielte sportliche Betätigung zu erreichen: Stark bemuskelte Hunde schaukeln und schwabbeln nicht durch den Ring. Sport - in jeder Form - mit den Hunden gehört einfach zu dieser Rasse. Daher ist es nicht verwunderlich, daß AM in vielen Hundesportarten hervorragende Leistungen erbringen. Ich möchte daher den AM nicht nur auf seine Funktion als Schlittenhund reduzieren. Man würde damit dieser wundervollen Rasse nicht gerecht werden. Er war von seinem Ursprung her, ein unentbehrlicher Helfer des Menschen, ein „Allrounder“. Und er ist dies in ähnlicher Weise auch noch heute. 

 

 

H.-R. Hugo: Frau Ertel – Seebacher, zum Ende des Interviews noch eine abschließende Frage mit der Bitte um eine kurze Antwort: Wenn Sie sich in ihrer Funktion als Rassebeauftragte für die Zukunft des AM etwas wünschen dürften, was wäre dies?

 

I. Ertel – Seebacher: Ich wünsche mir, dass alle beteiligten Akteure mehr miteinander reden. Denn nur mit Verantwortungsgefühl, gegenseitigem Verständnis und Augenmaß wird es uns zusammen gelingen, den AM in seiner Ursprünglichkeit zu erhalten.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview wurde von Heinz – Rüdiger Hugo im Januar 2006 durchgeführt und in den Clubnachrichten 1 / 2006 des „Deutschen Club für Nordische Hunde e.V.“ veröffentlicht.

 

Heinz Rüdiger Hugo

 


Gespann Heinz Rüdiger Hugo, Grenzlandtour I, 2007

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